top of page

Städtebau und Einfügung in den Bestand

Der Neubau der Susanne-Raming-Schule versteht sich nicht als städtebaulicher Solitär, sondern als Baustein im gewachsenen Quartier. Das Entwurfskonzept entwickelt sich aus einem Dialog zwischen dem Baumbestand, der kleinteiligen Siedlungsstruktur der Nachbarbebauung und dem angrenzenden Friedhof und dem umfangreichen Raumprogramm einer modernen Förderschule.


Das umfassende Raumprogramm erfordert einen zweigeschossigen großflächigen Baukörper. Der Neubau gliedert sich in drei Baukörper, die das Schulgebäude in der äußeren Erscheinung auflösen und maßstäblich in die umgebende Bebauungsstruktur einbinden. Die beiden äußeren Baukörper nehmen mit ihren Satteldächern die giebelständige Nachbarbebauung auf und schaffen dadurch eine Einbettung in das Quartier. Es entstehen große offene Innenräume. Der mittlere Verbindungsbaukörper mit seinem Flachdach und einem behutsamen Fassadenrücksprung gliedert die Gesamtkubatur. Gleichzeitig schaffen die unterschiedlichen Baukörper für Kinder mit Unterstützungsbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung unterbewusst eine Orientierungshilfe im Gebäude.


Besondere Sorgfalt gilt dem Erhalt des Baumbestandes. Die markante alte Eiche auf dem Schulhof wird durch einen umlaufenden Grünbereich und integrierte Sitzmöbel bewusst in Szene gesetzt. Als wertvoller Schattenspender für Aufenthaltsbereiche und ruhige Kommunikationszonen wird sie durch großzügige Verglasungen des Schulgebäudes erlebbar und schafft ein lebendiges Wechselspiel zwischen Innen- und Außenraum. Ebenso bleiben die beiden großen erhaltenswerten Bäume entlang der Grundstücksgrenze zum Friedhof hin selbstverständlicher Bestandteil des Entwurfskonzeptes.


Konstruktion und Materialität

Das konstruktive Herzstück des Neubaus ist ein Holztafelbau nach den Prinzipien des Cradle-to-Cradle-Gedankens. Ein klar gerasterter Grundriss ermöglicht wirtschaftliche Spannweiten und einen hohen Vorfertigungsgrad. Einzig die Bodenplatte und der Aufzugskern werden aus Recyclingbeton errichtet – alle übrigen Bauteile entstehen als vorgefertigte Holztafelkonstruktion. Sichtbare Träger und Stützen zeigen eine ehrliche Konstruktionsweise, ihre warmen, natürlichen Holzoberflächen schaffen eine wohnliche Raumatmosphäre, die insbesondere auf Kinder mit erhöhter sensorischer Wahrnehmungsfähigkeit beruhigend und stabilisierend wirkt – der Raum wird zum dritten Pädagogen.

Die Fassadengestaltung verbindet regionale Materialsprache mit zukunftsorientiertem Denken. Die seitlichen Gebäudeteile erhalten eine Verkleidung aus Vormauerklinker, der auf den zweiten Blick seine nachhaltige Besonderheit offenbart: Es handelt sich um Recycling-Ziegel, die einen vollständigen Lebenszyklus hinter sich haben und als sortenrein rückbaubares Baumaterial in neuem Kontext eingesetzt werden. Hervorspringende Läuferschichten setzen die Erdgeschosszone subtil ab und verleihen der Fassade eine handwerkliche Tiefe. Diskret in die Fassadenfläche integrierte Nistklinker schaffen – besonders an der südlichen Gebäudeseite im Zusammenspiel mit dem vorgelagerten Baumbestand – wertvolle Lebensräume für Vögel und Insekten und machen Biodiversität direkt erfahrbar.


Der mittlere Baukörper hingegen trägt eine vertikale Holzfassade mit natürlicher Vergrauungslasur, die eine gleichmäßige Oberfläche erzeugt und gleichzeitig die offenporige Struktur des Holzes erhält. Im Zusammenspiel mit den Klinkerflächen entsteht ein harmonisches Wechselspiel zweier nachhaltiger, zeitloser Materialien. Sämtliche Fassadenoberflächen – Klinker wie Holz – sind vollkommen wartungsfrei konzipiert. Die Fenster werden als Holz-Aluminium-Konstruktion ausgeführt: Das Holz bildet den nachhaltigen Grundbaustoff des Rahmens, während die Aluminiumschalen auf ein notwendiges Minimum reduziert werden und ausschließlich als dauerhafter Witterungsschutz dienen.


Nachhaltigkeit und Energiekonzept

Das Nachhaltigkeitskonzept des Neubaus folgt konsequent dem Cradle-to-Cradle-Prinzip und denkt den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes von Beginn an mit. Das nachhaltigste Gebäude ist zwar jenes, das über Jahrhunderte Bestand hat – die aktuelle Bauaufgabe zeigt jedoch eindrücklich, dass auch gut konzipierte Schulgebäude irgendwann den veränderten pädagogischen und technischen Anforderungen weichen müssen. Daher ist es Pflicht und Haltung zugleich, schon im Entwurf an den Rückbau zu denken: Der Neubau wird als urbane Rohstoffquelle konzipiert, nicht als zukünftige Altlast. Alle Materialien sind sortenrein trennbar und vollständig wiederverwertbar – eine Investition in die Zukunft, die dem gemeinnützigen Träger und der Gesellschaft gleichermaßen zugutekommt.

Das Gebäude wird auf dem Energieniveau eines Passivhauses errichtet, verzichtet dabei aber bewusst auf hochkomplexe, wartungs- und kostenintensive Lüftungstechnik. Stattdessen verfolgt das Lüftungskonzept einen intelligenten Lowtech-Ansatz: Öffenbare Oberlichter in der zentralen Halle ermöglichen eine natürliche, thermisch gesteuerte Querlüftung, die energieeffizient, dauerhaft zuverlässig und nahezu wartungsfrei funktioniert.


Die Dachlandschaft der Satteldächer ist mit einer systemintegrierten Photovoltaikanlage ausgestattet, die in der äußeren Kubatur nicht wahrnehmbar ist und sich harmonisch in die Stehfalzeindeckung fügt. Das angrenzende Gründach des Flachdaches übernimmt dabei eine Mehrfachfunktion: Es dient der Regenwasserrückhaltung, dem sommerlichen Wärmeschutz der darunterliegenden Räume, es unterstützt die Biodiversität und erhöht durch seine passive Verdunstungskühlung den Wirkungsgrad der benachbarten PV-Anlage.


Überschüssige Solarenergie wird nicht in ressourcenschonenden Natrium-Ionen Batterien („Salzbatterien“) zwischengespeichert. Eine energieeffiziente Luft-Wasser-Wärmepumpe in Verbindung mit einer flächendeckenden Fußbodenheizung rundet das ganzheitliche Energiekonzept ab. Das Regenwasser wird vollständig von der öffentlichen Kanalisation abgekoppelt, auf dem eigenen Grundstück in Mulden und Rigolen versickert und steht in Rückstaubehältern zur nachhaltigen Gartenbewässerung zur Verfügung.


Innere Organisation und pädagogisches Raumkonzept

Das Herzstück der inneren Organisation bildet eine zweigeschossig geöffnete zentrale Halle, die als gemeinschaftlicher Marktplatz das gesamte Schulleben zusammenführt. Das großzügig verglaste Eingangsfoyer mit rollstuhlgerechtem Aufzug leitet unmittelbar in diesen zentralen Kommunikationsraum über. Die Halle ist durch ihre raumhohe Glasfassade zum Schulhof und durch zusätzliche Oberlichter mit natürlichem Tageslicht durchflutet. Das sichtbare Holztragwerk ist hier gestalterisches Leitmotiv und schafft eine vertraute, warm wirkende Raumatmosphäre. Die angegliederte Schulküche kann die Halle direkt bedienen und den Marktplatzgedanken durch gemeinsame Mahlzeiten und Gemeinschaftsaktivitäten mit Leben füllen. Ein großes Wandboard im rückwärtigen Bereich der Halle bietet Fläche für Schülerarbeiten und verbirgt dahinter einen zentralen Garderobenbereich. Akustisch wirksame Oberflächen in den Randbereichen sorgen trotz der Großzügigkeit für ein angenehmes, ruhiges Raumgefühl.


Im Erdgeschoss sind die aktiven, lärmintensiveren Nutzungsbereiche untergebracht: Holzwerkstatt und Fahrradwerkstatt öffnen sich über südlich vorgelagerte Terrassen im Schatten der Bäume in den Außenraum und können bei Bedarf vollständig nach außen erweitert werden. Ein separater halböffentlicher Zugang ermöglicht externen „Kunden“ der Schülerwerkstatt – beispielsweise zur Fahrradreparatur – einen direkten Zutritt, ohne den gesamten Schulkomplex betreten zu müssen. Dies fördert die selbstständige Teilhabe der Schülerinnen und Schüler am gesellschaftlichen Leben. Der Therapieraum erhält durch seine Lage und die große Verglasung zur Eiche hin ein unmittelbar beruhigendes, grünes Gegenüber.


Das Obergeschoss folgt dem pädagogischen Leitbild der Clusterschule. Hier untergebracht sind die ruhigeren Unterrichtsbereiche. Sie gruppieren sich um den offenen Lernbereich, der durch flexible Möbeleinbauten individuelle Lernformen, persönliche Rückzugsmöglichkeiten und die Unterbringung von Hilfsmitteln ermöglicht. Mobile Trennwände erlauben eine kurzfristige Erweiterung der Klassenräume zu Differenzierungsräumen, eine Voraussetzung für den individuellen Förderunterricht. Durch die Cluster-Bauform entfallen notwendige Flure. Die innere Verglasung zur Halle und der zweite bauliche Rettungsweg strukturieren den Schulbau brandschutzrechtlich in eine einfache Struktur.


Außenraum und Schulboulevard

Der Außenraum der Susanne-Raming-Schule gliedert sich in drei Bereiche: den öffentlichen Schulboulevard mit Hol- und Bringzone und Fahrradstellplätzen, die halböffentlichen Terrassen vor den Werkstätten sowie den privaten Schulhof. Ein einheitlicher Pflasterbelag mit Akzentstreifen verbindet öffentliche und private Bereiche zu einem zusammenhängenden Erschließungsband und unterstreicht den Gedanken der Schule als aktiven Teil des Quartiers.


Der Schulhof bietet ein vielfältiges Bewegungsangebot, das auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler Rücksicht nimmt: Neben klassischen Elementen wie Basketball und Tischtennis lädt eine Klangwippe zum sinnlichen Erleben ein. Ein klar gegliederter Rundweg dient zugleich als Lauf- und Rennstrecke sowie als Teststrecke für frisch reparierte Fahrräder aus der Schülerwerkstatt. Eine Kommunikationsbank an der Schulhofgrenze öffnet den Schulhof behutsam zum Quartier: Sie ermöglicht kurze, niedrigschwellige Begegnungen mit Passanten – besonders mit älteren Besucherinnen und Besuchern des angrenzenden Friedhofs – und fördert so die soziale Entwicklung und Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler. Entlang des Schulboulevards schließen Vegetationsflächen den Schulhof ab, halten dabei durch niedrigen Bewuchs aber die visuelle Offenheit zum Quartier aufrecht. Ein Schulgarten mit Gartenhütte an der nördlichen Grundstücksgrenze sowie ein grünes Klassenzimmer ergänzen das Außenraumangebot um naturpädagogische Lernorte.


Fazit

Es entsteht ein moderner Holzbau mit überregionaler Strahlkraft, der dabei seine Maßstäblichkeit im Quartier bewahrt und seinen Fokus auf die Nachhaltigkeit in der flexiblen Raumstruktur genauso zeigt wie in den unzähligen durchdachten ökologischen und baukonstruktiven Detaillösungen. Damit wird im Neubau der Susanne-Raming-Schule der Raum nicht nur zum dritten Pädagogen, sondern zur Heimat und zum Wohlfühlort für Alle.

BAUHERR • 
Verein für heilpädagogische Hilfe Bad Rothenfelde e.V.
PROJEKT • 
HOLZBAU
FERTIGSTELLUNG • 
Wettbewerb

Wettbewerb Schule

Wettbewerbsbeitrag Förderschule

bottom of page