
Städtebauliche Einordnung und Einfügung
Das Grundstück der Wohngruppe „In der Masch" ist eingebettet in ein heterogenes Quartiersgefüge: Mehrgeschossige Mehrfamilienhäuser stehen in unmittelbarer Nachbarschaft zu kleinen Einfamilienhäusern mit wechselnden Firstrichtungen. Dieser inhomogene Bestand fordert keinen gestalterischen Gleichklang, wohl aber eine sensible Vermittlungsleistung – und genau hier setzt der Entwurf an.
Der Neubau fügt sich rücksichtsvoll zwischen dem alten, prägenden Baumbestand und den angrenzenden Nachbarbebauungen auf dem Grundstück ein. Die bestehende Villa bleibt als Solitär in ihrer städtebaulichen Würde erhalten: Trotz des umfangreichen Raumprogramms nimmt der Neubau eine direkte bauliche Verbindung mit dem Bestand auf, wahrt dabei jedoch bewusst den erforderlichen Abstand, um der Villa ihren eigenständigen Charakter zu belassen. Gleichzeitig vermittelt der neue Baukörper die städtebaulichen Achsen des Quartiers und schreibt die kleinteilige Siedlungsstruktur der Umgebung konsequent fort.
Von besonderer Bedeutung ist der Erhalt des gewachsenen Baumbestandes: Die großen, ortsbildprägenden Bäume sowie die parkähnliche Landschaft im Süden des Grundstücks bleiben vollständig erhalten. Sie bilden nicht nur ein grünes Rückgrat für die Freianlagen, sondern werden gezielt in das räumliche Erleben der Bewohnerinnen und Bewohner einbezogen.
Kubatur und Maßstäblichkeit
Eine zentrale Entwurfsherausforderung bestand darin, alle Schlafräume auf einer einzigen Ebene zu organisieren – eine Anforderung, die bei gleichzeitig begrenzter Grundstücksfläche zwangsläufig zu einer großen Baufußabdruckfläche führt. Die Antwort des Entwurfs liegt in der Aufteilung des Raumprogramms auf unterschiedliche, klar definierte Gebäudeteile, die durch ihre Anordnung zueinander spannungsvolle Zwischenräume erzeugen.
Die Schlafräume reihen sich in einem effizienten Wohnriegel mit Satteldach aneinander. Eine dazwischenliegende Kommunikationszone übernimmt die Funktion einer räumlichen Pufferzone und schafft Übergänge zwischen Privatheit und Gemeinschaft. Ein zweigeschossiger Baukörper, unmittelbar an den Bestand angebunden, beherbergt die gemeinschaftlichen Aufenthaltsräume sowie den Verwaltungsbereich.
Das zentrale Entwurfsziel war es, trotz des großflächigen Raumvolumens den typischen Heimcharakter großer Pflegeeinrichtungen zu vermeiden. Stattdessen vermittelt der Neubau im Alltag den Charakter eines kleinmaßstäblichen Wohnungsbaus: Die gegliederte Kubatur, die differenzierten Baukörperhöhen und die abwechslungsreiche Dachlandschaft erzeugen eine Maßstäblichkeit, die die persönliche Entwicklung der Bewohnerinnen und Bewohner aktiv unterstützt und die Anlage harmonisch in die kleinteilige städtebauliche Struktur des Quartiers einbettet.
Für Kinder und Jugendliche mit besonderer Wahrnehmungsfähigkeit entfalten die unterschiedlichen Baukörper darüber hinaus eine subtile, aber wirkungsvolle Orientierungsfunktion: Die räumliche Gliederung schafft unbewusst lesbare Wegstrukturen und Identifikationspunkte im Gebäude, die den Alltag erleichtern und Sicherheit vermitteln.
Gestalterisch knüpft der Neubau mit einer Putzfassade an den Bestand an. Partielle Holzfassaden und Sonnenschutzelemente aus Holz beleben die Oberfläche und lassen subtil erahnen, was konstruktiv im Inneren des Gebäudes steckt: ein zeitgemäßer Holzbau, der konsequent nach den Prinzipien des Cradle-to-Cradle errichtet wird.
Konstruktion – Ehrlicher Holzbau
Dem Entwurf liegt ein klar gerasterter Grundriss zugrunde, der einen wirtschaftlichen Holzbau mit effizienten Spannweiten ermöglicht. Lediglich die Bodenplatte sowie der Aufzugskern werden aus Recyclingbeton hergestellt. Der gesamte übrige Hochbau entsteht als vorgefertigter Holztafelbau – ressourcenschonend, präzise in der Ausführung und schnell in der Montage.
Sichtbare Träger und Stützen zeigen eine ehrliche, ablesbare Konstruktion. Diese gestalterische Entscheidung ist dabei weit mehr als ein ästhetisches Bekenntnis: Die warmen Holzoberflächen und die strukturierte Holzsichtigkeit im Innenraum wirken nachweislich beruhigend auf Kinder mit besonderen sensorischen Wahrnehmungsfähigkeiten. Der Werkstoff Holz schafft eine wohnliche, geborgenheitsstiftende Atmosphäre, die dem Charakter eines Zuhauses gerecht wird.
Die Putzfassade und die vertikale Holzfassade gehen ein harmonisches Wechselspiel ein. Eine natürliche Vergrauungslasur auf den Holzflächen erzeugt eine gleichmäßige, ruhige Erscheinung, bewahrt dabei jedoch die offenporige, atmungsaktive Oberfläche des Holzes. Das Ergebnis sind vollständig wartungsfreie Fassaden – ein entscheidender Vorteil für einen gemeinnützigen Betreiber mit langfristiger Perspektive.
Die großzügigen Verglasungen werden als Holz-Aluminium-Fenster ausgeführt. Holz bildet den nachhaltigen Grundbaustoff der Rahmenkonstruktion, während Aluminiumschalen auf das konstruktiv notwendige Minimum reduziert werden – als Wetterschutz und zur Gewährleistung dauerhafter Wartungsfreiheit. Im Innenraum erzeugen die holzsichtigen Fensterprofile eine besonders wohlige und behagliche Atmosphäre.
Nachhaltigkeit und Energiekonzept
Das Entwurfskonzept versteht Nachhaltigkeit nicht als Zertifizierungsziel, sondern als ganzheitliche Haltung – von der Materialwahl über die Energiestrategie bis zum Ende des Lebenszyklus.
Der Neubau entsteht konsequent nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip. Alle verwendeten Materialien und Konstruktionen sind so gewählt, dass sie sowohl bei partiellen Anpassungen im Laufe des Gebäudelebens als auch bei einem möglichen vollständigen Rückbau als urbane Rohstoffquelle verfügbar bleiben – statt als Sonderabfall zuenden. Gerade für einen gemeinnützigen Träger mit gesellschaftlicher Vorbildfunktion ist dieser Closed-Loop-Gedanke ein unverzichtbarer Zukunftsbeitrag.
Das Gebäude wird auf dem Energieniveau eines Passivhauses errichtet. Bewusst wird dabei jedoch auf eine hochkomplexe, wartungs- und kostenintensive Lüftungstechnik verzichtet. Stattdessen verfolgt das Konzept einen konsequenten Lowtech-Ansatz: Intelligente, steuerbare Oberlichter in den Wohnfluren und der zentralen Halle ermöglichen eine natürliche Querlüftung durch thermischen Auftrieb. Die sichtbare Balkenlage unter den Dachoberlichtern erzeugt dabei nicht nur ein faszinierendes Lichtspiel in den Innenräumen, sondern ist integraler Bestandteil des Lüftungskonzepts.
Die Stehfalz-Satteldächer ermöglichen eine systemintegrierte Photovoltaikanlage, die in der äußeren Erscheinung der Gebäude kaum wahrnehmbar ist und sich harmonisch in die Dachlandschaft einfügt. Im Sinne des Lowtech-Ansatzes werden die Kapazitäten eines Stromspeichers auf ein bewusstes Minimum reduziert: Im Vordergrund steht der direkte Eigenverbrauch. Überschüssige Energie wird in Salzbatterien gespeichert – eine ressourcenschonende, technologisch zukunftsfähige Alternative zu konventionellen Lithium-Ionen-Systemen.
Ergänzt wird das Energiekonzept durch eine energieeffiziente Luft-Wasser-Wärmepumpe in Kombination mit einer flächendeckenden Fußbodenheizung – ein System, das durch seine niedrigen Vorlauftemperaturen ideal auf die Wärmepumpe abgestimmt ist und einen besonders gleichmäßigen, behaglichen Wärmekomfort bietet.
Innere Organisation und Barrierefreiheit
Ein klar ablesbarer Haupteingang, definiert durch den Vorsprung des neuen Hauptgebäudes, erschließt sämtliche Funktionsbereiche. Die beiden Wohngruppen, der Verwaltungsbereich und der gemeinschaftliche Aufenthaltsbereich sind von hier aus jeweils autark zugänglich – eine klare Wegestruktur, die Orientierung gibt und Selbstständigkeit fördert.
Alle Bereiche sind konsequent barrierefrei und rollstuhlgerecht gestaltet. Zwischen je zwei Schlafzimmern liegt ein gemeinsamer Sanitärblock mit Einbauschränken – eine kompakte, effiziente Raumorganisation, die gleichzeitig größtmögliche Privatsphäre gewährt. Die Flure erhalten am Ende großzügige Verglasungen, die gleichzeitig als Rettungswege fungieren, und sind durch Dachoberlichter mit Tageslicht durchflutet. Die sichtbare Dachkonstruktion schafft ein differenziertes Lichtspiel, das die Orientierung im Gebäude intuitiv unterstützt.
Zwischen den Schlafbereichen und dem Gemeinschaftsbereich weitet sich der Flur zu einer Kommunikationszone auf, die Begegnung ermöglicht, ohne sie zu erzwingen – ein räumliches Angebot für den alltäglichen sozialen Austausch.
Die Personalzimmer sind mittig im Schlafbereich angeordnet. Durch die symmetrische Gebäudestruktur ergibt sich ein Verbindungsflur, der es ermöglicht, im Bedarfsfall beide Schlafbereiche von einer einzigen Person aus zu überblicken – ein erheblicher Gewinn in der Betriebseffizienz und der nächtlichen Sicherheit.
Der gemeinschaftliche Wohnbereich ist großzügig und offen konzipiert, mit direktem Zugang zur Außenterrasse. Wohn- und Essbereich fließen ineinander über; lediglich die Küche ist temporär trennbar, um eine flexible Nutzung – auch für größere Gruppen oder externe Veranstaltungen – zu ermöglichen. Im Obergeschoss schafft ein Aufenthaltsbereich mit großzügiger Verglasung und einem Balkon mit Außentreppe eine kommunikative Verbindung zu den Gartenflächen.
Außenraum und Regenwassermanagement
Die Freianlagengestaltung fasst Alt- und Neubau zu einer gemeinsamen Adresse zusammen. Eine getrennte Zu- und Abfahrt ermöglicht eine geordnete Vorfahrt mit rollstuhlgerechten Stellplätzen und überdachten Fahrradstellplätzen.
Im Übergang zwischen Alt- und Neubau öffnet sich der gemeinsame Garten als verbindendes Freiraumelement. Trotz unterschiedlicher Geländeniveaus wird eine einheitliche, barrierefrei zugängliche Freiraumgestaltung erzielt. Ein barrierefreier Rundweg verbindet verschiedene Stationen und einen Sinnesgarten, der alle Bewohnerinnen und Bewohner zum sensorischen Erleben im Freien einlädt.
Einzelterrassen bieten jedem Bewohner einen individuell nutzbaren Außenraum – als persönlichen Rückzugsort oder als Fläche für eigenverantwortliche Bepflanzung und Gestaltung. Diese Möglichkeit zur selbstbestimmten Außenraumnutzung stärkt die Eigenverantwortung und individuelle Handlungskompetenz der Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg in ein zunehmend selbstständiges Leben.
Das Regenwassermanagement ist vollständig von der öffentlichen Kanalisation abgekoppelt. Niederschlagswasser versickert auf dem eigenen Grundstück in Mulden und Rigolen, wird gleichzeitig in Rückstaubehältern gesammelt und steht zur Gartenbewässerung zur Verfügung – ein konsequenter Beitrag zur Reduzierung der Umweltbelastung und zur lokalen Kreislaufwirtschaft.
Fazit
Die neue Wohngruppe „In der Masch" ist weit mehr als ein Gebäude – sie ist ein ganzheitliches Zukunftskonzept. Ein moderner Holzbau mit überregionaler Strahlkraft, der dabei seine Maßstäblichkeit im Quartier behält, seinen Bewohnerinnen und Bewohnern mit besonderem Unterstützungsbedarf durch eine flexible, sensorisch durchdachte Raumstruktur gerecht wird und mit seinenökologischen und baukonstruktiven Detaillösungen konsequent Verantwortung für kommende Generationen übernimmt. Die neue „Wohngruppe In der Masch" wird zur Heimat und zum Wohlfühlort für alle.

BAUHERR •
Verein für heilpädagogische Hilfe Bad Rothenfelde e.V.
PROJEKT •
WOHNEN
FERTIGSTELLUNG •
Wettbewerb
Wettbewerb Wohngruppe
Wettbewerbsbeitrag



